Adornos Kinder
Martin Hähnel • 15. April, 2026
Mit dem Tod von Jürgen Habermas und Alexander Kluge verliert eine ganze Epoche ihr Sprachrohr und intellektuelles Gewissen.
Noch vor wenigen Wochen gab der verstorbene Filmemacher, Schriftsteller und bildende Künstler Alexander Kluge ein Interview, in dem er über seine 70-jährige Freundschaft mit Jürgen Habermas berichtet: „Im Grundton gibt es keinen Unterschied“, gibt Kluge hier zu Protokoll. Das klingt ziemlich unspezifisch, ist aber in der Beschreibung der Tiefe ihrer Gemeinsamkeiten durchaus zutreffend. Doch was verbindet die beiden im Konkreten?
Nicht nur das berühmte Frankfurter Institut für Sozialforschung, sondern auch eine unverhohlene Ablehnung der Adenauerwelt der 50er Jahre, aus der die sogenannte Suhrkamp-Kultur, der beide vollumfänglich angehörten, entsprungen ist und die bis heute den intellektuellen Mainstream hierzulande prägt. Habermas und Kluge machten, jeder auf seine Weise, in akribischer Kleinstarbeit und mit bemerkenswerter Produktivität die Linke sprachfähig und haben damit maßgeblich zu deren Ästhetisierung und Akademisierung in Deutschland beigetragen. Doch was bleibt von diesen beiden prägenden Figuren in einer Welt übrig, die sich immer mehr von deren Prämissen, Idealen und Praktiken verabschiedet und in der es nicht mehr nur um den öffentlichen und herrschaftsfreien rationalen Diskurs gehen kann, der von einer produktiven Gegenöffentlichkeit ästhetisch und kulturell gestützt wird?
Von welcher Vernunft hat Habermas eigentlich gesprochen?
Kommen wir zunächst zum Philosophen. Jürgen Habermas, für den die deutschen Feuilletons posthum gerade ein Denkmal errichten, das uns daran erinnern soll, dass wir gar nicht anders können, als an dem Habermasschen Aufklärungsprojekt weiterzuarbeiten, mehren sich auch die kritischen Stimmen (zuletzt auch Peter Hoeres in dieser Zeitung), die vor solch einer Überhöhung zurückschrecken.
Wenn Habermas hier und da als letzter Verteidiger der Vernunft gepriesen wird, muss man doch skeptisch werden und sich fragen, von welcher Vernunft Habermas hier eigentlich spricht beziehungsweise gesprochen hat. Diese Form der Rationalität ist längst nicht mehr das vorzügliche Werkzeug, das uns die Welt und deren Grenzen erkennen lässt (wie noch bei Kant oder Thomas von Aquin), sondern es ist das von jeglichem metaphysischen Gehalt entleerte kommunikative Vermögen, das uns über prozedurale Erwägungen zu ethischen Entscheidungen führen soll.
Die dabei zu konstatierende Unzulänglichkeit des Habermasschen Vernunftprojektes zeigt sich aber vor allem daran, dass man auf dessen Prämissen letztlich keine wirklich politisch tragfähigen Entscheidungen treffen kann, weil sich eine politisch folgenreiche diskursive Willensbildung aufgrund prinzipiell inkommensurabler Interessen und Weltanschauungen von nicht am unparteilichen Kompromiss interessierten Akteuren empirisch schlicht und ergreifend nicht vorstellen und erst recht nicht umsetzen lässt.
Den funktionalen Religionsbegriff weiter geschärft
Robert Spaemann hat Habermas vor Jahren in einer bemerkenswerten Diskussion im Merkur deshalb vorgehalten, nicht auf die Idee eines weisen Herrschers oder Entscheiders verzichten zu können, da die Diskursethik ansonsten in einen Utopismus abzugleiten drohe. An dieser Stelle könnten wir noch weitere Beispiele nennen, unter anderem das Fehlen einer konsistenten Gütertheorie, die Zweifel daran wecken, Habermas in den modernen Olymp der Philosophie aufzunehmen.
Vielleicht könnten wir das spezifische Interesse von Habermas an der Religion und der Theologie als besonderes Markenzeichen seines Denkens hervorheben. Hier ist ebenfalls Zurückhaltung geboten. Nur weil Habermas sich für Theologie interessiert, heißt das noch lange nicht, dass sie zu einem Teil seines Denkens geworden ist. Wie Peter Hoeres zutreffend bemerkt, ist Habermas nie über ein primitives und damit falsches Verständnis von Religion und Theologie hinausgekommen. Bereits in seiner nicht wiederveröffentlichten Dissertation zu Schelling versucht er, die Anthropologie von der Theologie und jedwedem spekulativen Denken zu entkernen, um sie auf eine neomarxistische Geschichtsphilosophie einzunorden.
Sein medienwirksamer Austausch mit Joseph Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI., über die Säkularisierung darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir es hier mit einem Denker zu tun hatten, der sich satisfaktionsfähige Gesprächspartner gesucht hat, um an ihnen seinen funktionalen Religionsbegriff weiter zu schärfen. Diese Vermutung bestätigt sich durch sein jüngst vorgetragenes Bedauern, wonach ihm zufolge große Teile der derzeitigen Theologie nur zeitgeistige Thesen nachbeten und den Glauben an Gott in der Sprache einer spiritualistisch aufgeladenen Existenzphilosophie zu explizieren versuchen.
Eines steht deshalb wohl fest: Habermas stand bis zum Ende seines Lebens, wenngleich er sich stets den philosophischen Moden und Trends seiner Zeit angepasst hat, in der Tradition Adornos und nicht in jener von Horkheimer, der am Ende seiner Karriere durchaus eine echte religiöse Wende zu vollziehen versuchte.
Kluge und Habermas: In weltanschaulicher Komplementarität
Doch kommen wir nun zu Alexander Kluge. Nun mag es zunächst verwundern, an dieser Stelle dem Philosophen einen der prägendsten und vielseitigsten Intellektuellen und Medienmacher der Bundesrepublik zur Seite zu stellen. Dies soll nur zeigen, in welche verborgenen Schlupfwinkel der hiesigen Kulturlandschaft eine bestimmte Form des Denkens, Handelns und Bewertens eingedrungen ist. Dass Kluge und Habermas den gleichen intellektuellen und politischen Grundton anschlagen, beweist nicht nur ihre Freundschaft, sondern auch ihre weltanschauliche Komplementarität.
Wie Habermas lotet Kluge die verschiedenen kulturellen Möglichkeiten und politischen Ausdrucksformen, die das „nachmetaphysische“ Zeitalter bietet, zu ihren Gunsten aus. Für Habermas wie für Kluge gibt es dabei keine Transzendenz, keinen „view from nowhere“ (Thomas Nagel). Während sich Habermas in der Horizontalität sprachpragmatischer Akrobatik einrichtet und austobt, tut es ihm Kluge auf seine Weise nach, indem er zahllose mediale Objekte sammelt oder kreiert, die sich nicht in Gestalt von Kunstwerken dem Betrachter präsentieren sollen, sondern Ausdruck und Dokumentation des Zerfalls der Welt in verschiedene Gegenstände sind, an deren Widerständigkeit sich der moderne Künstler abzuarbeiten habe.
Dieser antiessentialistische Grundton sorgt dafür, dass der Betrachter und Leser sich unbehaust fühlt und nirgendwo einen Anknüpfungspunkt an die eigene Welt- und Werterfahrung finden kann und darf. Der Verfasser dieser Zeilen kann sich daher auch an nichts mehr erinnern, wenn er an den Besuch einer Kluge-Retrospektive 2019 im Münchner Literaturhaus zurückdenkt. Damit ist Kluge, der einmal von Adornos Frau Gretel als „angenommener Sohn“ bezeichnet wurde, ein typisches Kind seiner Zeit gewesen, das sich mehr im Schatten als im Licht großer Ideen wohlzufühlen schien.
Was bleibt? Mit dem Tod von Habermas und Kluge verliert eine ganze Generation, die sich beiden im Grundton mehr oder weniger bewusst angeschlossen hat, ohne Zweifel zwei große und prägende intellektuelle Gestalten im nach Neuorientierung suchenden Nachkriegsdeutschland. Mit ihnen gilt es auch „Abschied von gestern“ (so der Titel eines Films von Kluge) zu nehmen, das heißt, von der Hegemonie einer Kultur, der es durch ihre homogenisierende Ausbreitung an Universitäten und im kulturellen Leben immer weniger gelingen sollte, um es mit Nietzsche auszudrücken, „gegen ihre eigenen Gedanken zu denken“.
Dr. Martin Hähnel ist Direktor des Karlsbader Instituts und Privatdozent an der Universität Bremen.