Totale Mobilmachung nach der Zeitenwende

A.W. Taubenberger • 29. Juli, 2026


Der Krieg in der Ukraine hat eine lange Litanei von Vergleichen mit Kriegen der Vergangenheit hervorgerufen, wobei dem Ersten Weltkrieg in solchen Einschätzungen der Vorrang gebührt. Auf materieller Ebene besteht kein Zweifel, dass diese Vergleiche zutreffend sind. Der Ukraine-Krieg hat viele der renommierten Beobachter und Strategen in der Art und Weise bestürzt, wie neue Technologien das Schlachtfeld scheinbar zu alten Formen des Krieges zurückgeführt haben: den massiven Einsatz schwerer Artillerie, den Grabenkrieg und die eingeschränkten Möglichkeiten zum Bewegungskrieg, um nur einige zu nennen. Was zeitgenössische Kommentatoren jedoch seltener erörtern, ist die umfassendere Weise, in der diese nun wiederauflebende Kriegführung des frühen 20. Jahrhunderts den modernen Kritiker zwingt, den Platz des Krieges innerhalb der modernen Gesellschaft neu zu fassen. Bei dem Versuch, dies zu tun, kann man erheblich von der Analyse der militärischen und gesellschaftlichen Verhältnisse jener Epoche profitieren, und hierfür gibt es ein  sich aufdrängendes Musterbeispiel: dasjenige des deutschen Schriftstellers und Kritikers Ernst Jünger.

Jünger ist, sowohl zu seiner als auch zu unserer Zeit besonders für seine Memoiren In Stahlgewittern bekannt bzw. bekannt gewesen. Das Werk ist 1920 erschienen und enthält eine Schilderung des Kriegsheldentums, die ihm den sagenumwobenen Pour le Mérite eingebracht haben. Weniger bekannt, wenngleich in ihrer Qualität nicht minder herausragend, sind seine späteren kritischen und philosophischen Schriften, die von der Zwischenkriegszeit bis zu seinem Tod im späten 20. Jahrhundert reichen. Diese umfassendere Schaffensperiode beginnt mit seinem Vorstoß in das Genre der philosophischen bzw. gesellschaftlichen Kritik, seinem Essay Die Totale Mobilmachung von 1930. Als Beitrag zu Jüngers herausgegebenem Sammelband Krieg und Krieger versucht Jünger nachzuzeichnen, wie der Große Krieg einen epochalen Bruch mit der bisherigen Art der Kriegführung darstellt und wie sich darin ein tieferer Wandel in der Gestalt der Gesellschaft spiegelt, wie er durch die moderne, industrielle Technik geprägt wird. Im Geiste eines militärischen ressourcement möchte ich diesen Schlüsseltext Jüngers aufs Neue untersuchen und der Frage nachgehen, wie er Aufschluss über die sich wandelnde Landschaft der europäischen Verteidigungspolitik und -kultur im Gefolge der Zeitenwende geben kann.

Der Ausgangspunkt, den der moderne Krieg einnimmt, liegt in seinem unpersönlichen, entgrenzten Wesen, angetrieben von einem fortschreitenden Industrialismus, im Vergleich zur überkommenen Kriegführung früherer Jahrhunderte. Der Krieg im vorindustriellen Zeitalter war eine auf die militärische Sphäre beschränkte Handlung. Dies bedeutet nicht, dass es keine Kollateralschäden und somit keine Beteiligung der zivilen Welt gegeben hätte (Geschichten von Plünderung und der Zerstörung von Städten sind so alt wie die Menschheit selbst), sondern vielmehr, dass die grundlegende Struktur von Gesellschaft und Produktion nicht vom Geschehen des Krieges abhing. Der Krieg war ein mehr oder weniger isoliertes Phänomen, kein um sich greifender Daseinszustand.

In einem industrialisierten Krieg ziehen dagegen die Komplexität und das Ausmaß der Produktionskette die Gesamtheit einer Gesellschaft und ihrer wirtschaftlichen Ressourcen in den Kriegszustand hinein, verwandeln alle in Krieger und damit in (strategisch) legitime Ziele. Es hat wiederholt Versuche gegeben, rechtliche Barrieren um die Zielauswahl zu errichten, um „Nichtkombattanten“ und zivile Infrastruktur zu schützen, doch Jahrzehnte industrialisierter Kriegführung haben gezeigt, dass solche Versuche häufig außer Kraft gesetzt werden, wenn die strategische Notwendigkeit es verlangt: Noch heute hat der Krieg in der Ukraine zu einer beständigen Bekämpfung ziviler Energieinfrastruktur durch beide Seiten geführt, gerechtfertigt als notwendiger Akt, um die Lieferketten und die Leistungsfähigkeit des Gegners zu lähmen. Ebenso verlangt das menschliche Ausmaß des industriellen Konflikts nach praktisch unbegrenzten Menschenreserven. Das Wesen eines Massenkrieges bringt Massenverluste mit sich, einen Krieg, in dem der durchschnittliche Infanterist nicht für Taten individuellen Heldentums existiert und honoriert wird, sondern als Bestandteil einer größeren taktischen Maschinerie, in welcher die Hinnahme eines Verlustes schlicht eine vorausgesetzte Größe ist, einkalkuliert in den Kennzahlen des übergeordneten Planers. Selbst für jene, die dem Dienst an der Front entgehen, bedeutet die Tatsache, dass die gesamte Produktionskette mit den Kriegsanstrengungen verbunden ist, dass alle darin Tätigen in gewissem Maße für die Kriegsanstrengungen arbeiten. So wird selbst der Zivilist, den ein bestimmter Konflikt nicht kümmert und der in früheren Zeiten nur unter staatlichem Zwang beteiligt gewesen wäre, in seiner Eigenschaft gegenüber dem arbeitenden Staat für die Kriegsanstrengungen dienstverpflichtet. Dies ist der Zustand oder die Gestalt der Gesellschaft, die Jünger als totale Mobilmachung bezeichnet.

Die vergangenen Kriegsjahre in der Ukraine haben die Wirklichkeit dieser These bestätigt. Zunächst erleben wir mit dies Konflikt die unverkennbare Rückkehr des Abnutzungskrieges. Während die Schätzungen der Verluste beträchtlich schwanken, kann kein Zweifel daran bestehen, dass beide Seiten erhebliche Zahlen an Männern verloren haben. Dies kann in einem alltäglichen Abnutzungszustand geschehen, bei dem kleine Einheiten versuchen, die feindliche Linie zu durchbrechen, dabei aufgehalten werden und Verluste erleiden – sowohl durch herkömmliches gegnerisches Feuer als auch durch neuartige Technologien wie FPV-Drohnen (Drohnenangriffe erfolgen zudem oft weit hinter der Frontlinie). Es kann sich ebenso in größer angelegten Versuchen des Bewegungskrieges ereignen, wie sie in früheren Kriegsjahren etwa in der Schlacht um Awdijiwka beispielhaft wurden, in der Russland einen herkömmlichen mechanisierten Angriff versuchte, der sich als erfolglos erwies, und die Stadt langsam in intensivem, zermürbendem Infanteriekampf einnahm, während es weiterhin schwere Verluste erlitt. In der Tat kostet ein solcher Abnutzungskampf, so taktisch notwendig er auch sein mag, im Laufe der Zeit erheblich mehr an Menschenleben wie an Material.

Ein weiteres zentrales Element der Kämpfe um Awdijiwka und danach war der ausgiebige Einsatz von Waffen wie schwerer Artillerie – Systeme, von denen viele westliche Militärstrategen annahmen, sie kämen außer Gebrauch, weshalb die Produktions- und Beschaffungsstände vor dem Krieg entsprechend niedrig waren. Auch die berühmteste Waffe, die aus dem Krieg hervorgegangen ist, die Drohne, insbesondere leichte, von einer Person tragbare Systeme wie FPVs, findet ihren Einsatz, der sich am besten über die schiere Menge bestimmen lässt. Allein die Ukraine verbraucht bei den derzeitigen Raten bis zu 10.000 Drohnen pro Tag, wobei die Statistiken für den täglichen Verbrauch an Artilleriegranaten nicht weit dahinter zurückbleiben. Der primäre Faktor bei der Bestimmung der militärischen Leistungsfähigkeit der Ukraine im Hinblick auf den Abnutzungskrieg ist daher die industrielle Basis, auf der die Kriegsanstrengung ruht (tatsächlich machten die Ukrainer eine unzureichende Versorgung mit Kriegsgerät für den Verlust von Awdijiwka verantwortlich). Naturgemäß ist die Ukraine selbst in dieser industriellen Kapazität begrenzt und auf westliche Nationen angewiesen, um die notwendige Ausrüstung und Bewaffnung bereitzustellen. Diese Nationen sind jedoch in ihrer eigenen rüstungsindustriellen Kapazität angesichts der Anforderungen des Krieges recht begrenzt, und wenn man bedenkt, was ein solches Abnutzungsszenario für die eigene Verteidigung dieser Nationen erfordern würde, sind sie schlicht erschreckend unvorbereitet.

Solche Bemerkungen zur Kriegswirtschaft sind nicht neu, doch was Jünger beizusteuern vermag, ist eine umfassendere soziologische oder gar philosophische politische Antwort auf dieses Problem, angestoßen durch die Zeitenwende, die der damalige deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz nach Beginn des Ukraine-Krieges ausrief. Die Frage der totalen Mobilmachung ist eine, die sich notwendigerweise an jeden Teil der Gesellschaft richtet; sie richtet sich an jede europäische Institution auf allen Ebenen: „Wie wollt ihr zur Kriegsanstrengung beitragen?“ Naturgemäß hängt die Tragweite dieser Frage stark von der jeweiligen Beschaffenheit der betreffenden Institution oder des Teils der Gesellschaft ab. Ein Kindergarten dürfte sein Profil weder im Zustand der Vorbereitung noch im Zustand der totalen Mobilmachung wesentlich verändern (der Normalbetrieb wäre im Kriegszustand ja gerade das Ideal), wohingegen sich dieser Maßstab bei einer Universität mit Forschungsprofil verschiebt und noch weit mehr bei einer eigens dafür bestimmten nationalen Forschungsanstalt, die vermutlich mobilisiert würde, um die militärische Forschung und Entwicklung unmittelbar zu unterstützen.

Darüber hinaus muss die operative Wandelbarkeit jedes einzelnen Produktionsvermögens berücksichtigt werden. Die Schwerindustrie ist nicht nur kapitalintensiv, sondern auch zeit- und arbeitsintensiv im Aufbau. Moderne Drohnen bieten den Vorteil, Technologien zu sein, die sich für rasches Prototyping und rasche Fertigung eignen, doch andere entscheidende Technologien des Abnutzungskrieges, wie die Produktion von Artilleriegeschossen, erfordern eine komplexere maschinelle Werkzeugausstattung, die sich nicht innerhalb der verhältnismäßig kurzen Zeiträume, die über die operative Tragfähigkeit im Krieg entscheiden, hochfahren oder weiterentwickeln lässt. Dieses Problem verschärft sich noch, wenn man die Produktion gepanzerter Fahrzeuge betrachtet – Mittel, die in der Ukraine sowohl fortdauernd stark genutzt wurden als auch schwere Verluste erlitten haben und in vielerlei Hinsicht den massenhaften Panzereinsatz des Zweiten Weltkriegs widerspiegeln. Künftig werden gepanzerte Fahrzeuge ausgefeiltere Sensoren, eine bordeigene automatisierte Sensorfusion und Systeme zur Drohnenabwehr aufweisen müssen, um ihre Überlebensfähigkeit zu erhöhen. All dies erfordert weitaus komplexere und vielschichtigere Fertigungslinien und Lieferketten als die Struktur oder die mechanischen Systeme des Fahrzeugs selbst.

Um das für den modernen Abnutzungskrieg erforderliche Ausmaß und die nötige Wirtschaftlichkeit bereitzustellen, muss Europa seine wehrtechnische Industriebasis massiv ausbauen, nicht allein durch Investitionen in neuartige Technologien der nächsten Generation, sondern auch dadurch, dass die grundlegende industrielle Kapazität vorhanden und einsatzbereit ist. In dieser Hinsicht wurden bereits große Fortschritte erzielt, was sich vielleicht am besten an der Geschossproduktion von Rheinmetall zeigt, die von Beginn des Ukraine-Krieges bis 2030 um über 2000 % ausgeweitet werden soll. Gleichwohl müssen solche Anstrengungen ausgeweitet werden, um die gesamte kritische Lieferkette des Abnutzungskrieges zu umfassen. Zudem sollte der Aufbau einer robusten wehrtechnischen Industriebasis auch die zivile Industrie einbeziehen, da viele Glieder einer Liefer- und Produktionskette dual-use-fähig sein können und da eine stetige zivile industrielle Produktion eine solide Kapitalbasis bietet, auf deren Grundlage ein Unternehmen bei Bedarf zu einer unmittelbarer verteidigungsbezogenen Produktion umschwenken kann. Schon zu Jüngers Zeit war zu erkennen, dass eine solche Verschmelzung von ziviler Produktion und militärischer Ordnung notwendig sein würde, etwas, das sich angesichts der größeren Komplexität moderner Waffentechnik nur noch verstärkt hat. Solche Anstrengungen können daher ein zentraler Bestandteil einer neuen europäischen Industriepolitik sein und hinreichend Anlass geben, nicht nur verlorene schwerindustrielle Kapazität wiederherzustellen, sondern auch die Hochtechnologie- und Präzisionsfertigungsfähigkeit des Kontinents zu stärken, die nun sowohl durch inneren Druck als auch durch jenen östlicher Nationen bedroht ist.

Vergegenwärtigt man sich den Zustand der totalen Mobilmachung, so zeigt sich, dass dieser an das Bestehen eines existenziellen Kriegszustandes gebunden ist. Die gewöhnlichen militärischen Operationen, die ein Staat in Friedenszeiten durchführt (begrenzte Expeditionseinsätze eingeschlossen), setzen mithin nicht per se den Aufbau eines Kriegsstaates und einer Kriegswirtschaft voraus. Für die Anwendbarkeit von Jüngers Beschreibung der totalen Mobilmachung kommt es dabei weniger darauf an, dass ein bestimmter Staat (oder Europa im Allgemeineren) im eigentlichen Sinne mobil macht, als vielmehr darauf, dass er auf allen Ebenen und in sämtlichen Bereichen der Gesellschaft die Fähigkeit zur Vorbereitung einer solchen Mobilmachung entwickelt. Diese Frage berührt wiederum jeden Aspekt der Gesellschaft, einschließlich der Pflege des Humankapitals. Wenn Europa wahrhaft auf einen großen bevorstehenden Konflikt vorbereitet sein soll, wie es die Proklamation der Zeitenwende angekündigt und die Wirklichkeit des Krieges in der Ukraine dargelegt hat, muss es nicht nur in materielle Kapazität investieren, sondern in seine Menschen, indem es alle nach besten persönlichen Kräften zu Beitragenden des Kriegsstaates formt. Erwägungen über eine Rückkehr zur allgemeinen Wehrpflicht mögen durchaus ein entscheidender Bestandteil einer solchen menschlichen Gerüstetheit sein, doch muss man bei diesem Problem noch tiefer ansetzen, um hinreichende Bildungskapazitäten für die Entwicklung technischer Fertigkeiten, strategischen Wissens und Urteilsvermögens sowie, was am entscheidendsten ist, für eine Erneuerung des europäischen Geistes zu schaffen.

Die Zeitenwende bietet Europa die Chance, den Zustand seiner Gesellschaft und Wirtschaft radikal zu verändern. Da sich die Demografie des Kontinents in die Richtung einer Überalterung verschiebt, da seine Wirtschaft weiter in die Stagnation rutscht, weil Europa sich einem verschärften Wettbewerb in Bezug auf Technologie, Energie und Industrie aus dem Ausland gegenübersieht und da sich seine Lage gegenüber seinen historischen internationalen Partnern verschiebt, muss Europa sich radikal anpassen, um seinen Platz in der Welt und damit seinen Lebensstandard zu behaupten. Die zwingende Notwendigkeit von Krieg und Verteidigung bietet die beste Gelegenheit, einen solchen Wandel herbeizuführen. Die Zeitenwende drängt den Kontinent somit, sich auf einen Kriegszustand der totalen Mobilmachung vorzubereiten, und ruft Europa dazu auf, alle bisher beschriebenen Probleme anzugehen. Dies könnte, wenn man sich die Implikationen dessen, was totale Mobilmachung bedeutet, vor Augen führt, die beste gegenwärtige Gelegenheit zur Erneuerung Europas darstellen, nicht nur in technisch-materieller, sondern vor allem in geistiger Hinsicht. 

A.W. Taubenberger ist Gründungsfellow des Karlsbader Instituts.